Wann gehört dir ein hoher Ton wirklich?

Es gibt hohe Töne, die man spielen kann, und hohe Töne, die einem zur Verfügung stehen. Der Unterschied klingt klein, führt aber zu einer anderen Vorstellung davon, was es bedeutet, auf der Trompete etwas zu können.

Vielleicht kennst du diesen Moment beim Üben: Ein Ton, an dem du eine Weile gearbeitet hast, ist plötzlich da. Gestern noch unsicher, heute kommt er. Vielleicht nur nach einem tiefen Atemzug und mit etwas Vorbereitung, aber immerhin: Die Grenze hat sich verschoben.

Natürlich ist das ein Fortschritt. Nur beginnt für mich hier die interessantere Frage: Was kannst du jetzt mit diesem Ton machen?

Kannst du ihn leise und laut spielen? Ein Crescendo und wieder zurück? Kannst du ihn am Ende einer Phrase verwenden, ohne vorher ein besonderes Vorbereitungsritual zu brauchen? Kannst du ihn nach einer Stunde Probe noch spielen? Und kannst du irgendwann aufhören, ihn als hohen Ton zu behandeln, und anfangen, ihn einfach als Ton zu benutzen?

Damit verändert sich die Vorstellung von Höhe. Sie ist nicht mehr nur eine vertikale Grenze, die wir nach oben verschieben. Sie wird zu einem Raum, in dem wir uns unterschiedlich frei bewegen können.

Ein Trompeter kann einen beeindruckenden Tonumfang besitzen und sich in einem Teil davon trotzdem nur unter sehr bestimmten Bedingungen bewegen. Manche Töne funktionieren vielleicht nur brachial, nach einem tiefen Atemzug oder mit genügend Zeit zur Vorbereitung. Die Töne existieren, aber sie haben einen Sonderstatus. Sobald sie in der Musik auftauchen, verändert sich die Aufmerksamkeit, der Atem, die Körperspannung – manchmal schon einige Takte vorher.

Höhe kann sich deshalb nicht nur nach oben entwickeln, sondern auch in die Breite. Du kannst einen neuen Ton erreichen. Du kannst aber auch einen bereits erreichten Ton unter immer mehr Bedingungen verfügbar machen.

Musikalisch ist diese zweite Entwicklung mindestens genauso interessant. Denn Musik verlangt selten nur: Spiele diesen Ton. Sie verlangt: Spiele ihn leise, strahlend, kurz, gebunden, nach einer langen Phrase, im Zusammenhang mit dem Ton davor und danach. Ein Ton wird musikalisch wertvoll, wenn er nicht nur existiert, sondern formbar wird.

Deshalb finde ich leise Höhe als Trainingsfeld interessant. Nicht weil leise grundsätzlich besser wäre, sondern weil sie eine andere Möglichkeit desselben Tons sichtbar macht.

Ein hohes Pianissimo kann vollkommen entschieden sein. Das ist wichtig, weil wir Entschiedenheit leicht mit Kraft verwechseln. Ein Ton bekommt ein Ausrufezeichen, also geben wir ihm Energie. Aber das Ausrufezeichen selbst entsteht nicht aus der Luftmenge. Leise muss nicht vorsichtig heißen. Wenig Energie muss nicht wenig Absicht bedeuten.

Damit öffnet sich beim Üben ein größerer Raum als die übliche Frage nach „viel“ oder „wenig“.

Ich kann denselben Ton leise spielen und anschließend lauter werden. Ich kann wieder zurückgehen und beobachten, an welchem Punkt sich nicht nur die Lautstärke verändert, sondern meine gesamte Organisation. Werden die Lippen fester? Steigt der Mundstückdruck? Verliert eine vorher selbstverständliche Bindung ihre Beweglichkeit?

Was geschieht, wenn du weniger Zeit zur Vorbereitung hast? Wenn du denselben Ton aus einer anderen Dynamik erreichst? Wenn du vorher nicht absetzt?

So wird Üben zu mehr als dem Versuch, einen gewünschten Ablauf möglichst oft korrekt zu wiederholen. Es wird zu einer Form des Forschens am eigenen Spielen.

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