Warum Talent überschätzt wird – gerade von erfahrenen Amateurtrompetern

Eine Neubetrachtung von Begabung, Üben und musikalischer Entwicklung

Nach zwanzig oder dreißig Jahren mit der Trompete kennt man sein Instrument gut. Man weiß, an welchen Tagen die Höhe leicht anspricht und wann sie mühsam wird. Man kennt den Moment im Konzert, in dem die Ausdauer so langsam nachlässt, und jene Etüden, die seit Jahren zuverlässig gelingen oder ebenso zuverlässig scheitern.

Irgendwann entsteht aus diesen Erfahrungen ein stilles Urteil über sich selbst. Realismus? Vielleicht.

Oft verbirgt sich dahinter ein anderer Gedanke:
„Bis hierhin reicht mein Talent.“

Kaum ein Begriff besitzt unter Musikern eine ähnliche Selbstverständlichkeit wie das Wort Talent. Es erklärt den frühen Erfolg ebenso wie die späte Stagnation. Wer scheinbar mühelos spielt, gilt als begabt. Wer trotz Unterricht, regelmäßigen Übens und großer Beharrlichkeit hinter den eigenen Erwartungen zurückbleibt, vermutet fehlende Anlagen. Die Erklärung wirkt plausibel, weil sie vertraut ist. Gerade deshalb wird sie selten hinterfragt.

Mir fällt auf, wie ungenau der Begriff Talent oder Begabung verwendet wird. Mal bezeichnet er ein gutes Gehör, mal günstige körperliche Voraussetzungen, eine schnelle Auffassungsgabe oder musikalische Ausdruckskraft. Häufig genügt bereits ein überzeugendes Ergebnis, um daraus auf Talent zu schließen. Das Wort beschreibt dann also eine Leistung und behandelt sie zugleich als ihre Ursache.

Diese Denkweise besitzt eine bemerkenswerte Eigenart. Sie richtet den Blick fast ausschließlich auf das, was sichtbar ist. Man hört den freien Klang eines Mitspielers, erlebt seine Sicherheit in der Höhe oder seine Ausdauer bis zum letzten Satz eines Konzerts.

Unsichtbar bleibt die Geschichte, aus der dieses Spiel entstanden ist. Niemand erkennt auf den ersten Blick, welche Lehrer ihn geprägt haben, welche Gewohnheiten sich über Jahre entwickelt haben, welche Korrekturen vorgenommen oder verworfen wurden und welche Art des Übens sein Spiel geformt hat.

Wer über Jahrzehnte immer wieder an denselben Grenzen arbeitet, beginnt sie leicht als Ausdruck der eigenen Person zu verstehen. Der unsichere Registerwechsel, der enge Klang in der Höhe oder die nachlassende Ausdauer erscheinen irgendwann wie Eigenschaften des Spielers selbst.

Aus einer langen Erfahrungsgeschichte wird eine Charakterbeschreibung.

Begabung erklärt Potenzial – nicht das Ergebnis

An dieser Stelle lohnt ein Blick auf die Begabungsforschung. Detlef H. Rost unterscheidet zwischen

  • Begabung als Potenzial 
  • und der Leistung, 

die im Laufe eines Lebens sichtbar wird (vgl. Rost Rost, D. H. (Hrsg.). (2009). Hochbegabte und hochleistende Jugendliche. Neue Ergebnisse aus dem Marburger Hochbegabtenprojekt. Münster: Waxmann.).

Dieser Unterschied wirkt unscheinbar. Er trennt jedoch zwei Dinge, die im Alltag fast immer miteinander verwechselt werden. Begabung beschreibt Möglichkeiten. Leistung beschreibt das Ergebnis eines oft jahrzehntelangen Entwicklungsprozesses.

Der heutige Leistungsstand erzählt deshalb zunächst die Geschichte dieses Entwicklungsprozesses. Aus ihm lässt sich nicht unmittelbar auf die ursprünglichen Voraussetzungen schließen. Hohe Begabung garantiert keine außergewöhnliche Leistung, und begrenzte Ausgangsvoraussetzungen schließen eine bemerkenswerte Entwicklung nicht aus (vgl. Rost Rost, D. H. (2013). Begabung und Leistung. In: Handwörterbuch Pädagogische Psychologie.).

Für dich als Trompeter verschiebt sich damit die eigentliche Frage:

Welcher Lernprozess hat dein heutiges Spiel hervorgebracht?

Damit verändert sich auch der Blick auf das Üben.

Viele erfahrene Amateure haben tausende Stunden mit ihrem Instrument verbracht. Sie haben Tonleitern, Flexibilitätsübungen, Etüden gespielt und Konzertliteratur vorbereitet. Die investierte Zeit ist oft erheblich. Dennoch entwickeln sich Spieler mit vergleichbarem Übeumfang sehr unterschiedlich. Für viele gehört das zu den frustrierendsten Seiten ihres musikalischen Weges. Manche gewinnen im Laufe der Jahre an Leichtigkeit und Sicherheit. Andere stoßen trotz großer Disziplin immer wieder an dieselben Grenzen.

Anders Ericsson suchte die Erklärung für solche Unterschiede nicht im Talent, sondern im Lernprozess selbst. Seine Forschung wurde später häufig auf die berühmten zehntausend Stunden verkürzt. Im Kern stand jedoch eine andere Beobachtung: 

Fortschritte entstehen nicht durch möglichst viele Wiederholungen, sondern durch die Art der Wiederholungen. (vgl. Ericsson, Krampe & Tesch-Römer, 1993Ericsson, K. A., Krampe, R. T., & Tesch-Römer, C. (1993).
The Role of Deliberate Practice in the Acquisition of Expert Performance.
Psychological Review, 100(3), 363–406.
).

Für Trompeter wird dieser Gedanke unmittelbar greifbar. Wer einen hohen Ton jahrelang mit mehr Mundstückandruck erreicht, trainiert nicht nur den hohen Ton. Er trainiert den Mundstückandruck.

Wer jede schwierige Passage mit unnötiger Spannung spielt, festigt nicht nur die Passage. Er festigt die Spannung. (siehe auch dieses Video)

Mit jeder Wiederholung lernst du nicht den Ton, sondern die Art, wie dieser Ton entsteht – du speicherst keine Absichten, sondern Muster.

Das heutige Spiel ist das Ergebnis einer Lernbiografie

Viele technische Grenzen erscheinen unter diesem Blick in einem anderen Zusammenhang. Ein instabiler Ansatz, eine begrenzte Höhe oder mangelnde Ausdauer müssen keine Hinweise auf fehlende Begabung sein. Sie können ebenso Ausdruck von Bewegungs- und Wahrnehmungsmustern sein, die sich über viele Jahre stabilisiert haben. Das heutige Spiel wird damit zum Ergebnis einer Lernbiografie – nicht zwangsläufig zum Beleg angeborener Grenzen.

Diese Sichtweise findet sich auch in neueren Modellen musikalischer Entwicklung wieder. Gary McPherson beschreibt erfolgreiche Musiker nicht als Menschen mit außergewöhnlichen Eigenschaften, sondern als Menschen, die ihren Lernprozess zunehmend selbst steuern. Sie beobachten ihr Spiel genauer, reagieren auf Rückmeldungen und verändern ihre Strategien fortlaufend (vgl. McPherson McPherson, G. E., & Renwick, J. M. (2001). A Longitudinal Study of Self-Regulation in Children’s Musical Practice.).

Der Begriff Talent verliert dadurch seine Berechtigung nicht. Menschen unterscheiden sich in ihren Voraussetzungen. Manche lernen schneller, verfügen über günstigere körperliche Bedingungen oder ein feineres Gehör. Die Forschung bestreitet das nicht. Sie warnt lediglich davor, den heutigen Leistungsstand vorschnell aus diesen Voraussetzungen abzuleiten. Zwischen Anlage und Ergebnis liegen oft Jahrzehnte des Lernens.

Vielleicht überschätzen erfahrene Amateurtrompeter Talent deshalb so häufig. Sie sehen ihr heutiges Spiel und blicken zugleich auf viele Jahre ehrlicher Arbeit zurück. Es liegt nahe, den verbleibenden Abstand zu besseren Spielern den angeborenen Voraussetzungen zuzuschreiben. Die einfachste Erklärung ist jedoch nicht immer die treffendste.

Viele Trompeter betrachten ihr heutiges Spiel wie ein Urteil über ihre Möglichkeiten. Die Forschung legt eine andere Deutung nahe. Sie beschreibt das, was heute selbstverständlich gelingt oder selbstverständlich misslingt, zunächst als Ergebnis eines langen Lernprozesses.

Talent gehört zu den Voraussetzungen einer Entwicklung. Wesentlich stärker geprägt wird ihr Ergebnis jedoch von dem, was zwischen Anfang und Gegenwart geschieht. Wer nach zwanzig oder dreißig Jahren auf sein Trompetenspiel blickt, sieht deshalb weniger die Grenzen seines Talents als das Ergebnis seiner bisherigen Art zu lernen.


P.S. Wenn dich dieser Gedanke beschäftigt, interessiert dich vermutlich auch die nächste Frage: Warum fühlt sich die Höhe an manchen Tagen leicht an und an anderen nahezu unmöglich – obwohl sich die Lippen nicht verändert haben?

Genau dieser Frage widmet sich mein Kurs „Verlässliche Höhe“. Dort geht es nicht um Kraft oder Durchhalteparolen, sondern darum, welche Organisation hinter einer zuverlässig funktionierenden Höhe steckt.

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