Lampenfieber einerseits bezeichnet die körperliche und emotionale Aktivierung vor oder während eines Auftritts. Diese Aktivierung ist nicht problematisch. Sie soll Aufmerksamkeit und Energie für die besondere Situation bereitstellen.
Von Auftrittsangst andererseits würde ich dann sprechen, wenn der Auftritt als Bedrohung erlebt wird: Die Aufmerksamkeit richtet sich zunehmend auf mögliches Versagen, Blamage, Ablehnung oder Kontrollverlust. Das kann das Spielen erheblich negativ beeinflussen.
Meine Sicht darauf

Ich halte es für wichtig, Lampenfieber und Auftrittsangst nicht gleichzusetzen.
Aufregung gehört zu einer Situation, die für mich Bedeutung hat. Sie kann beflügeln. Da wächst jemand über sich hinaus. Das Ziel kann deshalb kaum sein, vor einem Konzert emotional neutral zu sein. Schwieriger wird es, wenn die vorhandene Energie gegen sich selbst gerichtet wird: Der Puls soll sinken, die Nervosität verschwinden, der Körper endlich wieder „normal“ funktionieren.
Beim Trompetenspielen kann dieser Kampf unmittelbar die Organisation des Spiels verändern. Aufmerksamkeit wandert von Klang, Phrase und musikalischer Absicht zu Ansatz, Atmung, möglichen Fehlern und der Reaktion anderer.
Bei Auftrittsangst (nicht: Lampenfieber) grätschen vergangene negativ belastete Erlebnisse hinein. Die emotionale Ladung von damals überfällt einen jetzt erneut, man durchlebt diese im Konzert erneut. Es ist also meist gar nicht das jetzige Konzert, das Angst macht. Es ist, was es in einem auslöst.
Deshalb arbeite ich auf mehreren Ebenen: Spieltechnische Sicherheit und Reserve verringern reale Unsicherheit. Konzertsimulationen trainieren die Abrufbarkeit unter Belastung. Gleichzeitig kann es sinnvoll sein zu untersuchen, was an einem Auftritt eigentlich bedrohlich erscheint.
Das Ziel ist für mich keine Angstfreiheit. Souveränität bedeutet eher, Aufregung und auch Angst erleben zu können, ohne dass sie allein bestimmen, wie ich spiele.
Typische Fehlinterpretationen
„Wenn ich Lampenfieber habe, bin ich schlecht vorbereitet.“
Meistens nicht. Mangelnde Vorbereitung kann Nervosität verstärken. Auch sehr gut vorbereitete Musiker können jedoch starkes Lampenfieber erleben. Technische Sicherheit und emotionale Reaktion sind miteinander verbunden, aber nicht identisch.
„Ich muss lernen, vor Auftritten ruhig zu sein.“
Ruhe kann hilfreich sein, ist aber nicht das einzige mögliche Ziel. Eine erhöhte Aktivierung kann einen Auftritt unterstützen. Entscheidend ist, ob die vorhandene Energie dem Spielen zur Verfügung steht oder zum Gegenstand eines inneren Kampfes wird.
„Die körperlichen Symptome verursachen meine schlechten Auftritte.“
So eindeutig lässt sich das nicht sagen. Herzklopfen, trockener Mund oder veränderte Atmung können das Spielen beeinflussen. Gleichzeitig spielt eine Rolle, wie diese Veränderungen wahrgenommen und bewertet werden. Wer bereits das Herzklopfen als Zeichen eines bevorstehenden Versagens deutet, erzeugt eine zusätzliche Belastung.
„Ich brauche einfach mehr Selbstvertrauen.“
Selbstvertrauen lässt sich kaum direkt herstellen. Verlässliche Erfahrungen sind hilfreicher: eine Passage technisch beherrschen, unter unterschiedlichen Bedingungen spielen, Auftritte simulieren und erleben, dass auch Nervosität ausgehalten werden kann.
„Wenn die Angst eine tiefere Ursache hat, bringt Üben nichts.“
Auch das wäre zu einfach. Auftrittsangst kann verschiedene Anteile besitzen. Reale spieltechnische Unsicherheit, fehlende Erfahrung mit Auftrittssituationen und emotionale Bedeutungen können gleichzeitig beteiligt sein. Entsprechend können auch unterschiedliche Zugänge sinnvoll sein.
„Ein souveräner Musiker hat keine Angst.“
Mut setzt gerade voraus, dass etwas auf dem Spiel steht. Ein Musiker kann nervös sein, Angst vor einem Fehler haben und trotzdem musikalisch präsent bleiben. Souveränität zeigt sich nicht zwingend darin, was jemand fühlt, sondern auch darin, wie viel Handlungsspielraum ihm dabei erhalten bleibt.
Weiterführende Artikel
Lampenfieber und Auftrittsangst überwinden (YouTube)
Das Konzert ist gar nicht das Problem (Blog)
Konzertsimulation (Produkt)
Warum deine Höhe seit Jahren dieselbe bleibt
Kostenloses Video für Trompeter,
die verstehen möchten,
warum Höhe meist nicht an Kraft scheitert.
