Wiederholung allein macht dich nicht automatisch besser. Sie stabilisiert vor allem das, was du tatsächlich wiederholst – hilfreiche Bewegungen ebenso wie ungünstige Gewohnheiten. Richtig üben bedeutet deshalb, die Qualität der Wiederholung zu verbessern, statt nur ihre Anzahl zu erhöhen.
Meine Sicht darauf

Viele Trompeter kennen das beruhigende Gefühl, viel geübt zu haben.
Eine Stunde. Zwei Stunden. Alle Übungen erledigt.
Trotzdem fühlt sich das Spiel einige Wochen später kaum anders an.
Das wirkt zunächst rätselhaft. Schließlich heißt es doch seit Jahrzehnten: Übung macht den Meister.
Ich würde den Satz etwas anders formulieren.
Übung macht dauerhaft das, was geübt wird.
Das klingt ähnlich, ist aber ein entscheidender Unterschied.
Wenn bei jeder Wiederholung dieselbe unnötige Spannung entsteht, wird genau diese Spannung verlässlicher. Wenn vor jeder hohen Stelle dieselbe innere Anspannung beginnt, wird auch sie trainiert. Wiederholung unterscheidet nicht zwischen hilfreichen und ungünstigen Mustern. Sie macht beides stabiler.
Deshalb reicht Fleiß allein oft nicht aus.
Verbesserung beginnt mit Wahrnehmung.
Wer Unterschiede wahrnehmen kann, erhält überhaupt erst die Möglichkeit, sein Spiel bewusst zu verändern. Kleine Veränderungen werden ausprobiert. Ihre Wirkung wird beobachtet. Was sich als hilfreicher erweist, wird beibehalten. Was das Spiel schwerfälliger macht, wird wieder verworfen.
Auf diese Weise entsteht Lernen.
Nicht durch blindes Wiederholen.
Sondern durch einen fortlaufenden Dialog zwischen Handlung und Rückmeldung.
Deshalb interessieren mich Übungen weniger als Feedbacksysteme.
Eine Naturtonbindung beispielsweise dient nicht in erster Linie dazu, möglichst viele Wiederholungen zu sammeln. Sie macht hör- und spürbar, wie Luft, Lippen, Zunge und Instrument im Moment zusammenarbeiten. Mit jeder Wiederholung entsteht eine neue Gelegenheit, Unterschiede wahrzunehmen und die Organisation des Spiels etwas präziser zu entwickeln.
Das verändert auch die Rolle von Fehlern.
Wer nur Wiederholungen zählt, erlebt Fehler häufig als Störung.
Wer Lernen organisiert, betrachtet Fehler als Information.
Ein unsauberer Ton beantwortet oft eine wichtige Frage:
Unter welchen Bedingungen funktioniert mein Spiel noch nicht zuverlässig?
Diese Information ist wertvoller als zehn gelungene Wiederholungen, bei denen gar nicht klar wird, warum sie funktioniert haben.
Dazu gehört auch Variation.
Ein Bewegungsmuster wird robuster, wenn es unter unterschiedlichen Bedingungen funktioniert. Tempo, Dynamik, Tonlage oder musikalischer Zusammenhang verändern die Aufgabe. Wer ausschließlich unter identischen Bedingungen übt, entwickelt häufig eine Fertigkeit, die genau für diese eine Situation stabil ist.
Musik verlangt jedoch Anpassungsfähigkeit.
Deshalb gehören Variation und Übertragung ebenso zum Üben wie Wiederholung.
Ein weiterer Punkt wird häufig unterschätzt.
Viele Trompeter üben mit großer Aufmerksamkeit für das Ergebnis.
War der Ton da?
Hat die Bindung funktioniert?
Kam das hohe c?
Das Ergebnis ist natürlich wichtig. Für den Lernprozess ist jedoch ebenso interessant, wie dieses Ergebnis entstanden ist.
War der Ton frei?
Musste plötzlich mehr Druck aufgebaut werden?
Hat sich die Atmung verändert?
Blieb die musikalische Vorstellung erhalten?
Diese Fragen richten die Aufmerksamkeit auf die Organisation des Spiels. Und genau dort entstehen langfristige Veränderungen.
Deshalb bedeutet richtig üben für mich nicht, möglichst viele Wiederholungen zu sammeln.
Richtig üben bedeutet, jede Wiederholung als Gelegenheit zu nutzen, das eigene Spiel etwas besser zu verstehen.
Denn Verständnis verändert die Qualität der Wiederholung.
Und aus einer veränderten Wiederholung entsteht schließlich eine veränderte Fähigkeit.
Typische Fehlinterpretationen
Je mehr Wiederholungen, desto größer der Fortschritt.
Wiederholung stabilisiert das aktuell ausgeführte Muster. Ohne bewusste Beobachtung kann deshalb auch eine ungünstige Spielweise immer sicherer werden.
Fehler sollten möglichst vermieden werden.
Fehler liefern wichtige Informationen darüber, wie das eigene Spiel im Moment organisiert ist. Entscheidend ist, sie wahrzunehmen und daraus sinnvolle Veränderungen abzuleiten.
Eine gute Übung funktioniert automatisch.
Keine Übung wirkt unabhängig davon, wie sie ausgeführt wird. Ihr Wert liegt vor allem darin, welche Rückmeldungen sie ermöglicht und welche Veränderungen sie unterstützt.
Richtig üben bedeutet, sich ständig zu kontrollieren.
Dauernde Selbstkontrolle kann selbst zum Hindernis werden. Wahrnehmung bedeutet nicht, jede Bewegung bewusst zu steuern, sondern Unterschiede zu bemerken und daraus zu lernen.
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