Wenn Können plötzlich nicht mehr verfügbar ist

Es gibt eine merkwürdige Erfahrung, die fast jeder Trompeter kennt: Etwas funktioniert, solange niemand etwas erwartet.

Im Übezimmer ist die Stelle da. Sie lässt sich wiederholen. Vielleicht nicht vollkommen, aber zuverlässig genug. Einige Stunden später sitzt man im Konzert. Dieselben Noten stehen auf demselben Papier, dieselbe Trompete liegt in der Hand – und plötzlich scheint etwas verschwunden zu sein, das vorher noch selbstverständlich verfügbar war.

Man könnte daraus schließen, dass man eben noch nicht gut genug geübt hat. Und manchmal stimmt das natürlich. Interessant wird es aber dort, wo eine Stelle zuhause mehrfach funktioniert und unter Druck trotzdem nicht mehr abrufbar ist. Denn dann hat sich nicht unbedingt das Können verändert. Verändert hat sich die Situation. Und unsere Reaktion darauf.

Im Konzert bekommt das eigene Tun eine andere Bedeutung. Plötzlich soll etwas besonders gut sein. Wir wollen nicht auffallen, niemanden enttäuschen, keinen Fehler machen. Was eben noch eine musikalische Aufgabe war, wird zu etwas, das gelingen muss und streng bewertet wird.

Und genau in diesem Moment beginnen viele Musiker, das zu kontrollieren, was vorher weitgehend selbstverständlich geschah.

Die Atmung wird beobachtet. Die Stütze wird überprüft. Die Lippen fühlen sich plötzlich anders an. Die Zunge scheint nicht mehr dort zu sein, wo sie sein sollte. Man achtet auf den Ansatz, auf die Luft, auf den nächsten Einsatz. Man versucht, locker zu bleiben – und strengt sich dafür an.

Etwas Merkwürdiges geschieht: Eine Tätigkeit, die eigentlich längst gelernt ist, zerfällt wieder in einzelne Aufgaben.

Vielleicht liegt darin ein Grund, warum Wiederholbarkeit und Verlässlichkeit nicht dasselbe sind.

Wiederholbar ist etwas, wenn es unter ähnlichen Bedingungen immer wieder gelingt. Verlässlich wird es erst dann, wenn es auch verfügbar bleibt, wenn sich die Bedingungen verändern: wenn jemand zuhört, wenn etwas auf dem Spiel steht, wenn der Körper sich ungewohnt anfühlt oder wenn der Gedanke auftaucht, dass es jetzt funktionieren muss.

Das bedeutet nicht, dass Nervosität verschwinden muss. Auch ein schnellerer Puls, ein trockener Mund oder ein ungewohntes Körpergefühl müssen nicht zuerst beseitigt werden, bevor wir wieder Musik machen können. Sie können da sein. Entscheidend ist, ob unsere Aufmerksamkeit ihnen folgen muss.

Konzertmodus ist nicht Übemodus.

Beim Üben dürfen wir zerlegen, beobachten, verändern, ausprobieren und korrigieren. Wir beschäftigen uns bewusst mit Dingen, mit denen wir im Konzert eigentlich gar nicht mehr beschäftigt sein sollten.

Im Konzert geht es um etwas anderes. Dort soll das, was wir gelernt haben, wieder zu einem Ganzen werden.

Vielleicht besteht ein Teil des Übens deshalb gerade darin, irgendwann aufzuhören, ständig zu üben, während man spielt.

P.S. Schau dir hierzu meine Videopräsentation „Konzertsimulation“ an.

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