Ein Musiker steht kurz vor dem Auftritt. Der Puls steigt, die Gedanken kreisen um schwierige Stellen oder frühere Fehler. Gleichzeitig will er spielen. Er hat geübt, mag die Musik und freut sich auf die Bühne.
Wie lässt sich diese Auftrittsangst verstehen?
Die Emotionsmodelle von Gordon Neufeld und Rolf Ulrich Kramer geben darauf unterschiedliche Antworten. Beide verstehen Emotionen als Bewegungen und halten bloßes Wegdrücken unangenehmer Zustände für wenig hilfreich.
Danach trennen sich ihre Wege.
Gordon Neufeld: Angst muss nicht weg
Beim Entwicklungspsychologen Neufeld lässt sich Auftrittsangst zunächst als Alarm verstehen. Schon das Wort verweist auf Bewegung: „Alarm“ geht auf den italienischen militärischen Ruf „all’ arme!“ – „Zu den Waffen!“ zurück.
Eine wahrgenommene Bedrohung versetzt uns in Bereitschaft: die Möglichkeit, sich zu blamieren, nicht zu genügen oder Missbilligung zu erfahren.
Gleichzeitig können andere Emotionen und Wünsche vorhanden sein: Spielfreude und der Wunsch, sich musikalisch auszudrücken, aber auch Scham oder Frustration.
Genau diese Gleichzeitigkeit ist entscheidend.
Mut bedeutet bei Neufeld nicht, keine Angst zu haben. Mut entsteht, wenn Alarm und ein bedeutsamer Wunsch gleichzeitig gefühlt werden können:
Ich habe Angst – UND ich will spielen.
Die Lösung besteht deshalb nicht darin, den Alarm zu beseitigen, sondern in Integration. Problematisch ist weniger: „Ich habe Angst“, sondern: „Ich kann nur noch Angst fühlen.“
Je stärker der Alarm wird, desto schwieriger wird diese Integration. Sie entwickelt sich deshalb am besten unter Bedingungen, in denen unterschiedliche Gefühle noch gleichzeitig zugänglich sind – idealerweise also nicht erst mitten im Auftritt.
Das könnte auch erklären, warum bloße Auftrittsroutine Angst nicht zwangsläufig lindert: Entscheidend ist nicht nur, wie oft jemand auftritt, sondern was emotional dabei verarbeitet und integriert werden kann.
Nach einem misslungenen Auftritt kommt ein weiterer Aspekt hinzu: Vergeblichkeit.
Was geschehen ist, lässt sich nicht mehr ändern. Wird diese Grenze wirklich gefühlt, kann das vergebliche Anrennen enden. Frustration wird zu Traurigkeit, Reifung als Mensch wird möglich. Künftig kann man besser mit solchen Situationen umgehen.
Vergeblichkeit hat hier eine konstruktive Funktion.
Rolf Ulrich Kramer: Das gebundene Streben untersuchen
Diplompsychologe und Mentaltrainer Kramer organisiert Emotionen anders. Sie entstehen als gerichtete Bewegungen in Beziehung zu einem Bezugspunkt: Wir streben auf etwas zu, davon weg oder ziehen uns zurück.
Bei Auftrittsangst lautet deshalb eine zentrale Frage:
Worauf richtet sich mein Streben?
Vielleicht darauf, ein schönes Konzert zu spielen. Vielleicht aber auch darauf, dass ein bestimmter Ton unbedingt gelingen muss, niemand eine Unsicherheit bemerken darf oder der Auftritt beweisen soll, dass man gut genug ist.
Zwischen dem tatsächlichen Zustand und dem gewünschten Ergebnis entsteht Spannung. Bleibt das angestrebte Ergebnis aus, entsteht FrustrationFrustration ist das Erleben, dass ein Wunsch, eine Erwartung oder ein zielgerichtetes Handeln vereitelt wird. Vergeblichkeit ist der Sachverhalt; Frustration ist dessen psychisches Erleben (lat. frustra = vergeblich). Anstrengung wird zu Verkrampfung, Zweifel wächst, schließlich können Hoffnungslosigkeit oder Rückzug folgen.
Vergeblichkeit bekommt hier eine andere Bedeutung als bei Neufeld: Die aus Erfahrung gewachsene Überzeugung, dass das eigene Streben ohnehin vergeblich sei, kann die Abwärtsbewegung verstärken und sich für spätere Situationen verfestigen.
Die Lösung liegt deshalb stärker darin, die eigene Beziehung zum Auftritt zu klären, die daraus entstehende emotionale Dynamik zu erkennen und Gelassenheit gegenüber dem eigenen Erleben zu entwickeln.
Gelassenheit bedeutet dabei nicht Gleichgültigkeit. Emotionen dürfen da sein, ohne dass man vollständig in ihnen festhängt. Auch Akzeptanz gehört dazu: den eigenen Zustand wahrnehmen, ohne ihn sofort ändern zu müssen.
Zwei Modelle, zwei Lösungen
Bei Neufeld lautet die entscheidende Bewegung:
Fühle vollständiger.
Der Alarm darf bleiben, während andere Gefühle und Wünsche erreichbar bleiben. Daraus können Mut und Reifung entstehen.
Bei Kramer lautet sie eher:
Erkenne, woran dein Streben gebunden ist, und löse die Verstrickung darin.
So kann wieder mehr Gelassenheit gegenüber dem eigenen Erleben entstehen.
Natürlich gibt es zahlreiche weitere Modelle von Auftrittsangst. Ich habe meine Diplomarbeit zu diesem Thema geschrieben und als selbst betroffener viele Methoden getestet und praktisch umgesetzt. Ich halte es allerdings nicht für notwendig, unterschiedliche Sichtweisen auf dieselbe Thematik zu einer einzigen richtigen Erklärung aufzulösen. Gerade ihre Unterschiede können zusätzliche Klarheit schaffen und den eigenen Handlungsspielraum erweitern.
Dasselbe erlebe ich bei verschiedenen Ansätzen zur Trompetenspieltechnik, die sich teilweise grundlegend widersprechen. Ich versuche deshalb, keiner Schule vorschnell anzuhängen, sondern unterschiedliche Perspektiven ernst zu nehmen und pragmatisch zu prüfen:
Was hilft mir – oder einem Schüler – in der aktuellen Situation tatsächlich weiter?
Für mich liegt darin ein wesentlicher Teil professioneller Arbeit: nicht möglichst schnell die eine richtige Antwort zu finden, sondern genügend unterschiedliche Modelle zu kennen, um im konkreten Fall beweglich zu bleiben.





